Wir Friedhofplatzkinder wurden beobachtet. Der Platz war eine Art Freiluftkinderhort umgeben von wohlwollend aufmerksamen Anwohnenden und (Stamm)gästen der Beizen.
Überhaupt wirkte das Wohnquartier Altstadt gemeinschaftsfördernd. Beispielsweise hat das Nachbarspaar die Geburt ihrer Kinder mit einem Leintuch am Turmhäuschen ihrer Wohnung kund getan. So war es für die Anwohnenden um den Friedhofplatz sofort sichtbar. Sie haben sich dem Kind zu herzlichen Gottis und Göttis vereint. Pro Friedhofplatz, hiess diese Vereinigung und bestand aus dem Zusammenschluss vieler Macherinnen und Macher die am Platz wohnten und arbeiteten.
Dann wurde vieles anonymer. Altstadtwohnhäuser dienten – mehr auf ihre Fassaden reduziert – eher als Kulisse. Viele Familien zogen aus der Altstadt. Grosse Geschäfte, oft internationale Ladenketten und Bars zogen in die Altstadt. Aus der Vereinigung „Pro Friedhofplatz“ wurde mehr und mehr ein Zusammenschluss von Gewerblerinnen, die bald ausschliesslich zur Organisation des „Chlausemäret“ bestand. Ein „Märet des Samichlaus“, der übrigens von ehemaligen Anwohnerinnen des Friedhofplatz und der angrenzenden Gassen erfunden und realisiert wurde. Die ersten, heute legendären roten Dächer wurden in einer Altstadtwohnung zusammengenäht. Hunderte von Stunden Freiwilligenarbeit der Anwohnerinnen wurden während vieler Anfangsjahre des „Chlausemäret“ geleistet. Klar ist, dass dies heute nicht mehr viele wissen. Entsprechend offensichtlich ist auch, dass die Solothurner Altstadt als Wohnraum in den letzten Jahren wenig thematisiert wurde. Das ist schade – muss aber nicht so bleiben:
Es gibt einige Solothurnerinnen, denen das Wohnen in der Altstadt am Herzen liegt und die sich sehr wohl Gedanken über das Zusammengehen von Wohn- und Gewerbenutzung in der Altstadt machen. – Dass es dabei ebenso um die Art, das Konzept und die Ausrichtung von Gastronomiebetrieben in der Altstadt geht, liegt in der Natur der Sache.
Der Grund, dass in letzter Zeit wieder vermehrt Altstadthäuser als Wohnungen genutzt werden, liegt wohl weniger an Erkenntnissen über den massgebenden Unterschied zwischen einer „belebten“ und einer lebendigen Altstadt. Ausschlag ist eher, dass der Zusammenhang zwischen Wohn- und Geschäftsnutzung von Altstadtliegenschaften wieder bewusst wird – beziehungsweise thematisiert werden muss, sollen die Altstadthäuser (aus denen die Altstadt besteht) als Wohn- und Geschäftshäuser adäquat und als solche erhalten und weiterentwickelt werden.
Altstadtwohnen und Kleingewerbe findet jeweils im selben Altstadthaus statt. Daraus entsteht die Atmosphäre in den Altstadthäusern, auf den Gassen und Plätzen, in der gesamten Altstadt. Ob diese gut oder schlecht ist, hängt vom Einvernehmen, vom gegenseitigen Respekt, von der Art des Zusammengehens der jeweiligen Interessevertreterinnen ab. Das beginnt in jedem einzelnen Haus wird über nachbarschaftliche Verhältnisse getragen und bedingt das Engagement der Bewohner, der Gastronomiebetreiber, der Ladeninhaberinnen und der Hausbesitzerinnen als Verantwortliche für das Nutzungskonzept der jeweiligen Liegenschaft. Sie alle sind darauf angewiesen, dass die Bedeutung des Altstadtwohnens auch fürs Kleingewerbe erkannt- und die Altstadthäuser wieder als Wohnhäuser wahrgenommen und thematisiert werden.
Das ist banal, hat aber stark mit Nachhaltigkeit und Verantwortung zu tun. – Und auch mit Persönlichkeit und Haltung. Und: Es ist mit ein Grund, weshalb im letzten Sommer der Verein Altstadtwohnen gegründet wurde. Altstadtwohnen ist die Devise und sollte es schon lange sein:
Dieser Verein ist pro Altstadtwohnen, damit ist er auch fürs Kleingewerbe, fürs Überleben und Weiterleben von kleinen Geschäftsbetrieben, für „Lädeli“ in der Altstadt. Er ist Netzwerk und Hilfe für die Verantwortlichen von kleineren Altstadtliegenschaften, welche diese auch als Altstadtwohnhäuser erhalten und weiter entwickeln. Und: Er ist Anlaufstelle für die Belange der Altstadtbewohnerinnen. Denn:
Altstadtanwohnerinnen halten dem Landverbau entgegen, sie bewohnen ein Gebiet, das bereits seit 2000 Jahren besiedelt ist und zeigen damit Haltung für Umwelt und Biodoversität.
Altstadtanwohner helfen, das Bestehen der Altstadtwohnungen als einzigartige und erhaltenswerte Zuhause zu sichern. Sie tun dies für sich und für Menschen, die auch in Zukunft gerne in der Altstadt wohnen.
Die Einstellung zum Altstadtwohnen hat mit Nachhaltigkeit und Verantwortung zu tun. Und: Mit Persönlichkeit und Haltung.